Der Abstecher nach Wasserburg zur vorzüglichen Trattoria La Famiglia sollte für die drei Schülerinnen das Sahnehäubchen der Veranstaltung sein. Dass es bei Pizza und Spaghetti dann so spannend wird, hatten die Profis aus IHK und Holzwerk nicht erwartet. Jedenfalls musste die Zehntklässlerin Susanne, nach ihren Zukunftsplänen befragt, nicht groß überlegen. Sie antwortete sofort. Sie wolle „etwas mit Wirtschaft“ machen.

 

Es kam noch besser. Susanne erklärte auf Nachfrage sie könne sich nicht nur vorstellen, Unternehmerin zu werden und eigene Mitarbeiter zu haben, sie habe das auch fest vor. Man darf folglich vorab festhalten: Die Schwindegger Ausgabe des bundesweiten Girls‘ Day 2023 war eine Punktlandung. Genauso hatten sich das die Macher in der IHK gedacht.

 

So ganz nebenbei widerlegt das Beispiel Susanne auch den Spott eines Münchner Unternehmers, der einige Tage zuvor im Interview geäußert hatte: „Ach, der Girls‘ Day! Den gibt es schon ewig, der hat noch nie etwas gebracht.“ Dass diese bundesweite Aktion doch Sinn macht, erschloss sich jedem, der am 27. April seinen Radio anmachte.

 

Bayern 2 hatte für den Tag eigens eine Hotline eingerichtet. Schülerinnen und Schüler konnten ihren Berufswunsch melden. Wir hatten auf Influencer getippt. Aber Lea wollte „Abschleppfahrerin“ werden, Nepomuk Sänger und Polizist, Rosalie Reitlehrerin. So weit, so harmlos.

 

In Oberbayerns Wirtschaft gab es ehrgeizigere Ziele. Wie schon im Vorjahr hatte die IHK für München und Oberbayern Unternehmerinnen dazu aufgerufen, sich als „Role Model“ beim Girls‘ Day zu beteiligen. Unter dem Motto „Ich werde Chefin“ sollten Unternehmerinnen Schülerinnen für die Selbstständigkeit begeistern. Grund: In Oberbayern werden nur 30 Prozent der Unternehmen von Frauen geführt oder mitgeführt. Dieser Anteil soll steigen.

 

Für dieses Ziel setzt sich Ingrid Obermeier-Osl schon seit Jahren ein. Sie ist geschäftsführende Gesellschafterin der Schwindegger Holzwerks Obermeier und eine feste Größe im IHK-Ehrenamt. Die Unternehmerin ist IHK-Vizepräsidentin, Vorsitzende des Ausschusses Unternehmerinnen und Vorsitzende des IHK-Regionalausschusses Altötting-Mühldorf.

 

Sich bei der Aktion zu beteiligen, war daher für Obermeier-Osl eine klare Sache. Drei Schülerinnen aus der zehnten Klasse des Gymnasiums Dorfens hatten sich für den Besuch in ihrem Holzwerk angemeldet. Wie ernst man dort das Ganze nahm, zeigte sich schon im Detail. Das Obermeier-Team hatte eigens ein Schild montiert: „Herzlich willkommen Emma, Jasmin und Susanne.“ Pünktlich um neun Uhr saßen sie dann in dem firmeneigenen Innovationsraum.

 

Neben Holzwerkchefin Obermeier-Osl beteiligte sich Sarah Menrath, Verantwortliche für die Öffentlichkeitsarbeit, an dem Gespräch. Susanne erklärte, wie der Termin zustande kam. Ihr Vater hatte in den Medien über die Aktion erfahren. Der fand das gut und gab den Tipp an Susanne weiter. Die nahm ihre Schulfreundinnen mit. „Wir dachten uns: Cool, da könnten wir hingehen. Das ist eine richtig schöne Idee“, sagte Jasmin.

 

Die Chefin Obermeier-Osl nahm sich für die Schülerinnen Zeit. Sie erklärte, wie sich das Sägewerk zu einem marktführenden Laubholz-Spezialisten entwickelte und wie das ihr Leben bestimmt: unternehmerische Verantwortung und Engagement im Ehrenamt. Nur einige Tage zuvor, am 14. April, sei daher Bayerns Ministerpräsident Markus Söder als Gast in diesem Raum gewesen. Sarah Menrath schilderte den Schülerinnen diesen großen Moment. Sie sei überrascht gewesen, wie interessiert Söder an ihren Themen war, er habe viele Fragen gestellt.

 

Obermeier-Osl erklärte, was es heißt, Unternehmerin zu sein. Da seien dreiwöchige Strandurlaube und Acht-Stunden-Arbeitstage eben nicht drin. Als Chefin brauche es schon Leidenschaft, Durchsetzungsvermögen und die Fähigkeit, ein gutes Team zu bilden und zu führen. Diesen Punkt betonte auch Sarah Menrath: Es brauche einen ganzheitlichen Ansatz für den Umgang mit den Mitarbeitern.

 

Dazu gehört neben dem Angebot von preisgünstigen Wohnungen die Suche nach Lösungen, wenn ein Mitarbeiter beispielsweise einen Vorschuss oder kurzfristig Urlaub brauche. Diesen Team-Gedanken verdeutlichte sie auch beim Rundgang durch den Betrieb. „Als Chefin muss ich nicht jede Maschine oder jeden Produktionsschritt bis ins Detail kennen. Aber ich muss wissen, wen ich damit beauftragen kann“, stellte Menrath fest.

 

Sie erklärte anschaulich, weshalb sich Obermeier mit Qualität und Nachhaltigkeit abhebt von der Billig-Konkurrenz. Demnach liegen Welten zwischen der „Losgröße 1“, einer individuell und millimeterpräzise zugeschnittenen Buchenholzplatte für eine Küche von Team 7, und der Pressspan-Massenware von Ikea. Obermeier bezieht sein Holz nur aus zertifizierten Beständen deutscher Wälder. „Es gibt keinen Raubbau. Wir können die Herkunft jedes einzelnen Stammes zurückverfolgen“, versicherte Obermeier-Osl.

 

Was die Gymnasiastin Jasmin als größte Überraschung des Tages bezeichnete, war das, was Sarah Menrath über die Vorteile einer Bewirtschaftung des Waldes sagte. Demnach hat das Holzschlagen zu Unrecht ein schlechtes Image bei den Bürgern. „Junge, schnell wachsende Bäume binden viel CO2. Alte, verrottende Bäume setzen CO2 frei“, erklärte Menrath.

 

Auf dem Rundgang erfuhren die Schülerinnen auch, wie berufliche Karriere bei Obermeier geht. Zufällig fuhr an der kleinen Delegation der 27 Jahre junge Kök Oguzhan vorbei. Oguzhan hat es nach seiner Ausbildung schon zum Sägewerksmeister gebracht und ist heute Chef von 20 Mitarbeitern. Eine Benchmark, an der die meisten Uni-Absolventen scheitern würden.

 

Fachkräfte, das machte die Chefin Obermeier-Osl sehr klar, waren schon immer Thema ihres Familienunternehmens. Als 1965 türkische Gastarbeiter nach Deutschland kamen, stiegen einige von ihnen am Bahnhof Schwindegg aus. Heute sind 12 Prozent der 180 Mitarbeiter Asylsuchende. Inzwischen arbeiten auch Menschen aus der Ukraine in dem Werk.

 

Nicht minder interessant war dann das, was die Schülerinnen in der Wasserburger Trattoria erzählten. Was da zu hören war, ist aus Sicht der Wirtschaft höchst erfreulich. Demnach stimmt das Klischee vom praxisfernen Unterricht im Gymnasium längst nicht mehr. Neben einem Betriebspraktikum werden die drei Gymnasiastinnen auch ein Praktikum in einer sozialen Einrichtung absolvieren. Für die elfte Klasse ist ein „P-Seminar“ vorgesehen, in dem eine Firmengründung durchgespielt wird.

 

Es tut sich also was in Oberbayerns Gymnasien. Wie erfolgreich die Inhalte vermittelt werden, hängt nach Ansicht der drei Schülerinnen entscheidend vom Engagement des jeweiligen Lehrers ab. Richtig beseelt schwärmte Jasmin von ihrer Lehrerin für Latein und Französisch. Die mache ihren Job so gut, dass Jasmin selbst Lehrerin werden will. Am besten für die Grundschule, weil sich in der Lebensphase so viel für die Entwicklung der Kinder entscheide.

 

Emma hat sich noch keine Gedanken gemacht, was sie nach dem Abitur machen will. Aber für sie gilt ja wieder das Modell G9, da bleibt noch Zeit. Susanne hat dagegen einen klaren Plan. Sie will gründen aus Betroffenheit. Ebenso wie ihre Mutter ist sie Allergie-geplagt. Ihr Geschäftsmodell ist folglich klar: Lebensmittel ohne Allergene vertreiben. Einen passenden Studiengang in Düsseldorf hat sie sich schon ausgesucht.

 

Die Zielstrebigkeit machte Eindruck. Noch eine gute Botschaft aus der Runde in der Trattoria: Die drei Gymnasiastinnen denken nicht an Landflucht. Sie wollen, wenn möglich, in der Region bleiben.

 

Letzte Station des Schwindegger Girls Day‘ war das Sägewerk in Babensham, ein Lehrbuch-Beispiel für unternehmerische Verantwortung. Das Holzwerk Obermeier hat das insolvente Sägewerk gekauft, saniert, Arbeitsplätze gerettet und Wohnungen für die Mitarbeiter gebaut. Heute fertigt Obermeier dort u.a. Paletten für große Unternehmen mit verschiedenen Tätigkeitsfeldern der Region: wie Lebensmittelbetriebe, Chemie-Unternehmen, Ziegeleien und Großhandel.

 

Obermeier-Osl gab hier den Schülerinnen Gelegenheit, ein Resümee des Tages zu ziehen. Emma schlug eine Änderung des Ablaufs vor: Damit man die Fülle an Informationen besser aufnehmen könne, sollte die Firmenchefin ihren Vortrag teilen – und dazwischen den Rundgang durch das Unternehmen schieben.

 

„Das war mega-spannend. Ganz anders, als ich mir das vorgestellt hatte“, lobte Jasmin. Ähnlich beurteilte das auch die potenzielle Gründerin Susanne. Sie fand gut, dass dieser Girls‘ Day im Holzwerk Obermeier inhaltlich mehr bot, als sie erwartet hatte. Sie habe einen umfassenden Einblick in den kompletten Betrieb bekommen habe.

 

Die Firmenchefin selbst sagte auf der Heimfahrt, sie habe sechs Stunden ihrer knappen Zeit für diese Aktion investiert. Aber das habe sich gelohnt. Den Schülerinnen habe das Ganze super gefallen. „Das war ein richtig schöner Tag heute“, meinte die Unternehmerin.

(Text: Martin Armbruster)

Daumen hoch nach einem spannenden und abwechslungsreichen Tag im Rahmen der IHK-Girls‘-Day-Aktion,
v. r. n. l. Ingrid Obermeier-Osl (Geschäftsführerin Holzwerk Obermeier und IHK-Vizepräsidentin), Jasmin, Emma und Susanne (Schülerinnen des Gymnasiums Dorfen) und Sarah Menrath (Holzwerk Obermeier)